Die neuen Tage öffnen ihre Türen…
Die neuen Tage öffnen ihre Türen.
Sie können, was die alten nicht gekonnt.
Vor uns die Wege, die ins Weite führen:
Den ersten Schritt.
Ins Land. Zum Horizont.
Wir wissen nicht, ob wir ans Ziel gelangen.
Doch gehn wir los.
Doch reiht sich Schritt an Schritt.
Und wir verstehn zuletzt: Das Ziel ist mitgegangen;
Denn der den Weg beschließt und der ihn angefangen,
Der Herr der Zeit geht alle Tage mit.
Klaus-Peter Hertzsch
Für manche ist es schon eine Tradition, zum Jahreswechsel eine Zeit des Rückblicks und des Ausblicks nach vorne zu gestalten. Anregungen dazu gibt es viele, inklusive hilfreicher Fragen, die man sich am Scheitelpunkt der Jahre stellen könnte. Was waren gute Momente? Welche Spur habe ich gezogen? Wo verweilt meine Erinnerung? Was möchte ich mitnehmen ins Neue Jahr? Was sehe ich vor mir? Wovon träume ich? Mit wem bin ich unterwegs?
Mich erinnert das an eine Wandertour in den Alpen, die ich 2020 mit einer Freundin unternommen habe. Ein paarmal führte uns der Weg über einen Bergkamm, ein sogenanntes Joch. Oben angekommen war es selbstverständlich, kurz innezuhalten, zu Atem zu kommen, einen Schluck Wasser zu trinken und den Rucksack für einen Moment abzusetzen. Ganz automatisch schweifte der Blick dabei zurück, um den Verlauf des Weges auszumachen, den wir bis dahin gewandert waren. Hinter uns lag der Talkessel, dessen Berghänge für Stunden oder gar Tage unseren Horizont gebildet hatten. Vor uns öffnete sich ein neues Tal, eine veränderte Landschaft, neue Wege und Berge, deren Namen wir nur von der Karte kannten.
An diesem einen Punkt der Wanderung konnten wir beide Teile des Weges sehen. Ein Etappenziel war dieses Joch, ein Ende und ein Anfang gleichermaßen. Im Weitergehen ließen wir das bereits durchwanderte Tal hinter uns und auch die vertraut gewordene Aussicht. Neues öffnete sich vor uns, und so wie wir auf der anderen Seite hinabstiegen, wurde das Alte unseren Blicken entzogen.
So ähnlich fühlt sich für mich ein Jahreswechsel an. Eigentlich ist es nur ein Tag, den wir im Kalender weitergehen, und doch überschreiten wir innerlich eine Schwelle. In einem einzigen Schritt kann ich auf die andere Seite des Bergkamms treten, und befinde mich gleich in einem neuen Horizont.
Dass wir im Laufe unseres Lebens immer wieder solche Aussichtspunkte haben zum Innehalten, hat Gott sich genial ausgedacht. Seine Idee war es, dass Menschen in Rhythmen leben aus Arbeit und Ruhe, Tag und Nacht, Monate, Jahreszeiten…
Wie blickt man aber nun auf ein so verrücktes Jahr wie 2020 zurück?
Noch vor einem Jahr hätten wir nicht für möglich gehalten, was wir im Rückblick als Realität verbuchen mussten, und ein Ende der Pandemie ist noch nicht in Sicht. Viele von uns schleppen bildlich gesprochen die Steine aus dem alten Tal im Rucksack über den Bergkamm, als gäbe es auf der anderen Seite keine. Für mich ist daher der Jahreswechsel auch eine Gelegenheit, meinen inneren Rucksack aufzuräumen. Habe ich genug Ressourcen für die nächste Etappe? Was nährt mich, was erfrischt mich? Welche Steine räume ich heraus? Wo drückt der Wanderschuh?
So, wie manche Wanderer an markanten Wegstellen Steine auftürmen, fühle ich mich eingeladen, auf dem Bergjoch zwischen 2020 und 2021 mein persönliches Steinetürmchen zurückzulassen.
Wovon möchtest Du Abschied nehmen? Ein geplatzter Urlaub vielleicht? Eine Insolvenz? Finanzielle Sorgen, eine zerbrochene Beziehung, einen lieben Menschen, den Du verloren hast? Fehlen Dir auch normale Begegnungen, Gottesdienste, gemeinsames Singen so wie mir? Und was ist mit aufgeschobenen Träumen wie das wunder:voll-Camp, das nicht stattfinden konnte?
Im Gebet vor Gott kann ich aussprechen und benennen, was ich zurücklasse. Jesus, der die Beladenen zu sich ruft, wird mir nicht jede Last abnehmen. Aber er geht mit, das hat er versprochen, und er wird für Ruhe sorgen.
Natürlich nehme ich nicht nur Lasten mit auf die andere Seite sondern auch viel Beglückendes. Gipfel, die erklommen wurden, Bilder, die die Seele nähren, Begegnungen, die stärken und Hoffnung geben.
Ich denke an unser Mitarbeiterwochenende in Mücke letzten Februar. Was für ein Geschenk, dass das noch stattfand bevor uns die Pandemie auf Abstand brachte!
Genauso der Mitarbeitertag im Juni, der schon deutlich vom Lockdown geprägt war und nur mit Hygienekonzept durchgeführt werden konnte. Und doch haben wir aufgetankt, fand Begegnung und Gemeinschaft statt und wurden unsere Herzen gewärmt, obwohl wir im Durchzug der offenen Fenster saßen. Manche, die dabei waren, haben die Idee der Gefährtenschaft untereinander aufgenommen und teilen so ein Stück Leben miteinander, auch wenn es gerade nur durch Spaziergänge und Coffee-to-Go-Walks möglich ist.
Ein weiteres Highlight in dieser kontaktarmen Zeit war für manche von Euch der wunder:voll Zoom-Abend im November, der Begegnung über große Entfernung im ganzen Land möglich machte. Uns erinnern zu lassen, dass Sehnsucht Gottes Idee ist, und dass Hoffnung bei Gott nicht enttäuscht wird, waren für mich wichtige Eckpfeiler, die meinen Glauben gestärkt haben angesichts des bevorstehenden Winters mit Dunkelheit, Kälte und steigenden Inzidenzzahlen. Voneinander zu hören, was uns Hoffnung gibt, und wo wir Gott erlebt haben, schaffte Verbundenheit.
Was wird uns das Neue Jahr bringen?
Wenn wir alle eines gelernt haben in den letzten Monaten, dann dies, dass es schwierig ist, irgend etwas vorauszuplanen. Wir hoffen sehr, dass wir unser Camp im Oktober anbieten können. Das ist ein größeres Ziel, das wir im Auge behalten möchten!
Aber bis dahin erwarten uns kleinere, erreichbare Etappenziele. Das nächste kann man schon vom Bergkamm aus sehen: wir werden wieder einen Zoom-Abend anbieten, diesmal am 29.01.2021.
Und während ich die ersten Schritte auf der anderen Seite des Berges mache und in die neue Aussicht eintauche, bin ich froh, nicht allein unterwegs zu sein. Ich kann den Weg und auch das vor mir liegende Jahr nicht vollständig überblicken. Aber ich kann auf dem Weg für mich sorgen: mein Gepäck überprüfen, genug Quellwasser trinken, Pausen einlegen, Weggefährten entdecken.
Öfter mal auf die Karte schauen. Und in einem Jahr erneut auf einem Kamm in die Zeitlandschaft 2021 zurückblicken.
Was mich wohl erwartet?
von Katja


